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Medien Beiträge über die Pfahlbauten


16.09.2011 "Touristische Bedeutung nicht unterschätzen"
Auf einen Kaffee mit... Gunter Schöbel, dem Direktor des Unteruhldinger Pfahlbaumuseums.


Der Archäologe sieht Wissenschaft, Museumsdidaktik und Tourismus eng miteinander verknüpft.

Knapp drei Monate nachdem die 111 Fundstellen in sechs Alpenländern den Status des Unesco-Weltkulturerbes erhielten, wurden jetzt in der Schweiz die Urkunden überreicht. Was hat sich für die Pfahlbauten verändert?

Wir haben im Pfahlbaumuseum gegenwärtig ein Plus von etwa 15 Prozent. Ich schreibe das nicht alleine dem Weltkulturerbe zu, sondern auch dem guten Wetter. Die Besucherzahlen sind in diesem Jahr äußerst postiv, dies bestätigen auch die Kollegen hier im Tourismus am See. Was wir deutlich merken, ist eine Veränderung in der Zusammensetzung der Besucher. Wir bekommen weitaus mehr französische Gäste. Und aus Österreich und aus Bayern, die gleichfalls Welterbestätten haben.

Das Museum und Sie hatten eine hohe Medienpräsenz, auch im Fernsehen…

Bei uns kann man die Ergebnisse der Forschung anhand von Originalfunden und anschaulichen Modellen zeigen, die meist nur taucharchäologisch für Wissenschaftler zugänglichen Welterbestätten liegen in der Verborgenheit. Unsere 23 Häuser können die Besucher anfassen und als begehbare Marke erfahren. Man kann sie filmen und für die spätere private Reflektion wieder hervorholen. Die Unteruhldinger Pfahlbauten als Visualisierung des Weltkulturerbes öffnen auch für Laien ein Schaufenster in eine ferne Vergangenheit. Dies interessiert die Medien.

Was verändert sich derzeit in der Vermittlung der alpenländischen Vor- und Frühgeschichte in die Öffentlichkeit?

Wir sind dabei, im Museum neue Programme zu entwickeln und wir planen eine Museumserweiterung. In der Denkmalpflege werden ebenfalls neue Programme angedacht. Es gab bereits Veranstaltungen in Bad Buchau, Wangen, in Bodman-Ludwigshafen und ich denke man wird in den nächsten Wochen zusammenkommen, um auch für Unteruhldingen neue Pläne zu entwickeln. Vor allem in den Bereichen Bildung und Tourismus wird man sich intensiv Gedanken machen müssen. Auch aufgrund der Neugestaltung der Zuständigkeiten innerhalb der Ministerien in Stuttgart wird dann noch einige Koordinierungsarbeit notwendig sein. Der Internationale Bodenseetourismus und der Baden-Württemberg-Tourismus, wie auch die pädagogisch tätigen Museen im Bodenseeraum sehen sich vor neue Aufgaben gestellt. Es wird eine sehr spannende Aufgabe sein, diese gemeinsam zu lösen.

Eine Aufgabe, die nach gemeinsamen Strategien für den Bodensee verlangt?

Ja, sicher. Wir bieten eine Zusammenarbeit über die Grenzen hinaus an. Egal, ob es um Schutz, Forschung, Wissenschaft, Vermittlung oder Tourismus geht, das geht nur gemeinsam. Da ist einmal der Überlinger See mit seinen vier Welterbe-Standorten Litzelstetten-Krähenhorn, Bodman-Schachen/Löchle, Sippingen-Osthafen und natürlich nicht zuletzt Unteruhldingen-Stollenwiesen, wenige hundert Meter vom Pfahlbaumuseum entfernt. Dazu kommen die Konstanzer Stätten und die auf der Höri. Selbstverständlich bilden die insgesamt neun Fundstellen am deutschen Bodensee zusammen mit den beiden Schweizer Stationen eine Einheit. Dazu kommen auch Dutzende weiterer Fundstellen um den See, die zu beachten sind. Nur so ist der Erhalt eines geschlossenen Geschichtsbildes möglich. Und dann: Denken Sie an den Besuch der österreichischen Delegation vergangenes Wochenende. Letzlich geht es beim Weltkulturerbe der alpinen Pfahlbaukultur geschichtlich um Stein- und Bronzezeit und einen Zeitraum von über 3000 Jahren. Und gleichzeitig ist der gemeinsam von sechs Ländern gestellte Antrag nicht nur ein Stück gemeinsamer europäischer Vergangenheit sondern auch ein Stück Zukunft.

Mancher Archäologe oder Vor- und Frühgeschichtler scheint Probleme mit touristischen Aspekten zu haben?

Die touristische Bedeutung sollte man nicht unterschätzen. Was wir hier in den Pfahlbauten aus fast 90 Jahren Erfahrung wissen ist, wie wir die breite Bevölkerung für die Vor- und Frühgeschichte interessieren. Von einer wachsenden Akzeptanz eines Forschungsgegenstandes in der breiten Öffentlichkeit profitiert letztlich die Wissenschaft. Das ist die Chance, die uns das Welterbe eröffnet. Denken Sie an die Gefahren, denen unsere Welterbestätten gerade in Flachwasserzonen ausgesetzt sind. Wenn wir Schutzmaßnahmen umsetzen wollen, müssen Wassersportler und Anlieger deren Notwendigkeit einsehen. Sinnvoll schützen kann man nur was man kennt. Hierfür ist auch ein starkes Pfahlbaumuseum wichtig, neben den staatlichen Einrichtungen wie Landesmuseen und Denkmalpflege.

Wie hat sich das Verhältnis zwischen Pfahlbauten – Sie sind ja ein privates Museum und ein unabhängiger Wissenschaftler – und den Kollegen des Landesdenkmalschutzes entwickelt? Der Hemmenhofer Taucharchäologe und Denkmalpfleger des Landes, Helmut Schlichtherle, fordert dieser Tage eine Abgrenzung der Denkmalpflege vom Pfahlbaumuseum. Gibt es Spannungen?

Nein, natürlich nicht. Die Denkmalpflege ist hier am Bodensee seit gut 30 Jahren erfolgreich tätig. Das ist innerhalb einer 150-jährigen Forschungsgeschichte zwar ein relativ kurzer, aber doch wichtiger Zeitraum. Ich selbst war über Jahre hinweg selbst Mitarbeiter der staatlichen Denkmalpflege. Wir müssen nun einen Weg finden, wie man auch private Träger, hier denke ich vor allem an die nichtstaatlichen Museen im Bodenseeraum, hier noch besser einbindet. Die Denkmalpflege hat natürlich den Schutz der Stätten im Aufgabenfokus. Wir sind an der Schnittstelle Bildung, Vermittlung und Tourismus zu Hause und ich denke, dass es hier, weil es ja doch auch sehr viele Stellen sind, ein koordiniertes Vorgehen geben muss. Dies betrifft nicht nur den Bodensee sondern auch Oberschwaben, und die Kollegen in Bayern, der benachbarten Schweiz oder Österreich. Beim jüngsten Besuch haben wir mit den Touristikern und Kommunalpolitikern der österreichischen Pfahlbau-Welterbestätten eine Zusammenarbeit vereinbart. Wenn wir dort aufgrund unserer langjährigen Erfahrung Impulse zum Aufbau von Museen und zur didaktischen Vermittlung der Pfahlbauarchäologie geben können, dann ist das doch großartig und ein Gewinn für uns alle. Es beginnt also für uns eine sehr spannende Zeit.

In Österreich scheint es allgemein einen engeren Schulterschluss zwischen Wissenschaft und Tourismus zu geben.

Ich denke, es ist zu begrüßen, dass sich Österreich entschlossen hat, die Ergebnisse der Wissenschaft gemeinsam mit Tourismusexperten zu entwickeln. Die Ergebnisse gehören uns allen und wurden auch mit Steuergeldern erwirtschaftet. Es war schön zu sehen, dass Österreich zur Entgegennahme der Urkunden eine Delegation aus Archäologen, Bürgermeistern der betroffenen Gemeinden, Touristikern und den Vertretern von Heimatvereinen in die Schweiz schickte.

Wer hat eigentlich für Deutschland die Urkunde entgegengenommen? In Österreich berichteten die Medien darüber. Das bei uns zuständige Wirtschaftsministerium hat noch nicht einmal eine Pressemitteilung verbreitet.

Ich weiß darüber noch nichts. Auch unsere Heimatgemeinden am Bodensee würden sich über eine solche Urkunde gewiss freuen. Es ist die Anerkennung für die Arbeit von Generationen von Heimatinteressierten, die sich an den verschiedenen Standorten für die Belange der Pfahlbauten und unserer eigenen Geschichte eingesetzt haben.

Was macht die Überreste der stein- und bronzezeitlichen Pfahlbaukultur eigentlich so bedeutend, dass sie es wert sind, Weltkulturerbe zu sein?

Die Pfahlbauten sind ein unschätzbares Archiv der Menschheit. Aufgrund des Sauerstoffabschlusses haben die Schichten wertvolle Informationen für uns Archäologen, die wir sonst an keiner Stelle mehr in ähnlicher Form und Vielzahl finden können. Mit jeder Generation werden die Möglichkeiten aus diesem Archiv lesen zu können vielfältiger. Dies verpflichtet uns in besonderer Weise zum Schutz.

Es erhielten sich ja sogar organische Materialien...

Die Dinge aus organischem Material sind in den Feuchtschichten hier bei uns im Bodensee oder in den Mooren und Seen rings um die Alpen eben hervorragend erhalten. Das eröffnet uns die Möglichkeit, mit einer Vielzahl von archäologischen und naturwissenschaftlichen Methoden anzusetzen. Denken Sie zum Beispiel an die Dendrochronologie, die es uns erlaubt, die Waldgeschichte der letzten Jahrtausende schreiben zu können. Es wird ganz wichtig, vor allem auch im Bereich der Klimatologie, hier Erkenntnisse zu gewinnen. Wir können inzwischen Seehochstände, Seetiefstände, auch katastrophale Entwicklungen der Seespiegel nachweisen, die wiederum immer wieder auch zur Aufgabe der Standorte geführt haben. Es gibt mit Sicherheit auch noch viele Dinge in den Schichten, die wir heute noch gar nicht examinieren und methodisch untersuchen können. Das Archiv der Fundstellen ist deswegen so wichtig, weil es eben auch für zukünftige Generationen Forschungsmöglichkeiten zur allgemeinen Kulturgeschichte der Raumschaft erschließt.

 

Fragen: Martin Baur

Südkurier.de

 

http://www.suedkurier.de/region/bodenseekreis-oberschwaben/uhldingen-muehlhofen/-bdquo-Touristische-Bedeutung-nicht-unterschaetzen-ldquo-;art372496,5112761

    Gunter Schöbel im Gespräch mit Martin Baur Südkurier


 
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